ARGE Logo
Wappen Anould-Schöneck-Gymnaendröd
1969

Arbeitsgemeinschaft zur Förderung europäischer Partnerschaften Schöneck e.V.

ARGE SCHÖNECK

willkommen - bienvenue - üdvözöljuk - welcome

1969_01

Der Bürgermeister von Büdesheim an den Gemeinderat von Anould:

Auf dass unsere Söhne sich in der Zukunft verstehen.

 

Zu dem Plan der Verschwisterung zwischen Anould und Büdesheim (300 Einwohner, 20kmnördl. von Frankfurt am Main) ist gestern mit dem ersten offiziellen Kontakt ein großer Schritt vorwärts getan worden. Vier Repräsentanten von Büdesheim sind gestern tatsächlich in Anould von Bürgermeister M. Marcel Vincent, seinen beiden Beigeordneten und der Mehrheit des Gemeinderates empfangen worden.

Diese Delegation umfasste die Herren W. Kloss, Bürgermeister, A. Nanz, E. Dettmer und F. Hermann, Mitglieder des Gemeinderates, wobei Herr Nanz als getreuer Übersetzer diente, da er während seiner Gefangenschaft in Seine-et-Oise französisch gelernt hat. Sie (die Delegation) war mit dem Auto morgens um 7 Uhr abgefahren, kam um 12.30 Uhr an und wurde im restaurant Ferrero zum Essen eingeladen.

Der offizielle Empfang fand kurz vor 15.00 Uhr im Rathaus statt; Herr Vincent stellte die Abgesandten vor, und darauf wandte sich Herr Nanz, der zweite Beigeordnete, mit folgenden Worten an den Gemeinderat: “Wir kennen alle das Übel, das beiden Ländern zugefügt wurde, weil man sich nicht verstand. Wir kommen, um ein neues Verständnis zu erleichtern, und dies wird die Aufgabe der Jugend unserer beider Länder sein. Diese Verschwisterung, wenn sie zustande kommt, ist vor allem deshalb geplant, dass sich unsere Söhne in der Zukunft verstehen.” Erste Reaktion: Applaus.

Nachdem alle eingeladen worden waren, am grünen Tisch Platz zu nehmen, hieß Herr Vincent alle im Namen des Gemeinderates willkommen und erinnerte daran, wie der Plan entstand. Er erklärte, dass der erste Schritt von den Deutschen getan worden sei, die er zuvor über das Märtyrium Anoulds unter den Deutschen unterrichtet habe. Er stellte es nochmals offen dar, weil er wünschte, dass seine Gäste wissen sollten, wie sich die Besatzung verhalten habe und stellt Herrn Kloss die Vertrauensfrage: “Wie stellen Sie sich die zukünftige Beziehung zwischen den beiden Gemeinden vor?”

Der Deutsche: Fähig zu anderem”.

Indem er mit Wärme auf den etwas kühlen Empfang antwortete, ging Herr Kloss noch einmal auf den Ursprung des in St. Dié entstandenen Planes ein und erläuterte seinen Standpunkt: “Wir brauchen gar nicht erst von einer Verschwisterung zu sprechen, wenn wir nicht die Absicht haben, sie weiterzuführen, und wir suchen keine Verschwisterung, nur weil es Mode ist. Wir kommen hierher, überzeugt von der Notwendigkeit, verhüten zu müssen, dass sich das ganze Schlechte der Vergangenheit wiederholt. Der Preis der Zerstörung Anoulds hat uns veranlasst, die Beziehung zu knüpfen. Sicher können wir niemals die Spuren auslöschen, aber wir glauben hier aufrichtige Leute zu finden, die ein dauerhaften Frieden schaffen wollen. Wir wollen zeigen, dass der Deutsche auch zu anderen Dingen fähig ist, als Ihre Stadt anzuzünden oder Ihren Kirchturm zu sprengen. (Beifall de Gemeinderäte) Die Deutschen haben hier viel Schlimmes angerichtet. Sie haben hier viel durch sie gelitten; deshalb sage ich, dass wir ohne die ehrliche Absicht, eine Freundschaft vorzuschlagen, nicht hier wären.

Wir sind zu dieser Verschwisterung bereit: Nach und nach, ohne jemanden vor den Kopf zu stoßen. Was für uns alle wichtig ist, ist die Zukunft der jungen Leute unserer beiden Länder. So stelle ich Ihnen nun die Frage: Wollen Sie Theater oder eine dauerhafte Beziehung?”

Das Eis war gebrochen. Der Büdesheimer Bürgermeister, erklärter Vorkämpfer der französisch-deutschen Annäherung, hatte ein Rede gehalten, die mehr als einen der Gemeinderäte erstaunte. Ihm wurde die Meinung der Bevölkerung mitgeteilt. Man will an der Zukunft für die Jugend arbeiten, ohne das Vergangene zu vergessen. Er ließ antworten, dass er die Berechtigung dieses Gesichtspunktes ganz und gar zugestehe und dass er darüber seinen Mitbürgern berichten wolle, unter denen ebenso wenig Einstimmung herrsche wie in Anould.

Herr Vincent fasste zusammen: Die zukünftige Generation habe die Möglichkeit, eine Brücke zu schlagen. Die Männer der älteren Generation, die früher Feinde waren, sollten dazu den Grundstein legen.

Es folgte ein Empfang mit einem Ehrentrunk. Man unterhielt sich in aller Offenheit; man machte Pläne, von denen einer sofort in die Tat umgesetzt wurde: Man lud die Gäste von Büdesheim am selben Abend zum Ball der Kriegsgefangenen von Anould ein.